Gerhards Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela

 
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Reiseberichte

Arthez-de-Béarn (F), Mittwoch, 11. September 2002
103. Tag; Tageskilometer: 29; Gesamtkilometer: 2245


Ein voller Gité, also bin ich bei den ersten, die aufstehen. Ich gehe aber noch in die Kirche eine Kerze anzünden und dann in die Boulangerie und in ein "Café Sport" auf einen Kaffee.


[PG: Danke für die Kerze]

So gestärkt geht's hinunter zu einem kleinen See. Es ist wieder ein strahlender Tag, um diese Zeit ist es noch angenehm kühl. Später wird es ganz ordentlich heiß, so um die 30°C. Die Landschaft ist weiter typisch für den Bearn - Heide, Wein, Mais.


Das ist eine der Luxuspilgerinnen, die mit kleinem Gepäck durch die
Gegend wackeln und ihr Gepäck mit Trans-baggage oder einer anderen
Organisation nachgeschickt bekommen.



Man sieht hier viele solcher Brunnen, aber
die meisten davon sind ohne Wasser.

Nach dem Ort Fichous-Riumayou sehe ich zum ersten Mal die gewaltige Kette der Pyrenäen in der Ferne. Nach Uzan holt mich ein Franzose in sein Haus, der englisch spricht. Drinnen ist schon Bernhard, der Musikpädagoge. Unser Gastgeber, Francis, hat irgendetwas mit Statistik zu tun gehabt, 25 Jahre gearbeitet wie ein Pferd und ist dann ausgestiegen. Jetzt renoviert er den Hof, macht dies und das und wird nächstes Jahr einen "Bewirtungsplatz" für vorbeikommende Pilger einrichten.


links Francis, rechts Bernhard

Nach einem kleinen Umweg über die 1160 mit einem Hospiz errichtete Kapelle von Caubin, die leider versperrt ist, erreiche ich Arthez, wo Philipp im Gité des Bäckers einen Platz reserviert hat (der Gité communal ist wieder einmal voll - aber es ist ganz erstaunlich, wie "Jaköbli es immer richtet" - wenn man ihn lässt).

Der Bäcker ist ein ganz reizender Mensch und ich residiere allein in einer Art Dachboden-Appartement. Ich habe den starken Verdacht, dass Philipp von meinem lauten Schnarchen berichtet hat, obwohl ich eifrig die von Dorothee empfohlenen Übungen durchführe.

Dann, beim Wäschewaschen, will ich den Wäschetrockner in mein fürstliches Appartement tragen und stoße an eine Platte, die an der Wand lehnt - nur die Platte ist ein mannshoher Spiegel... war ein mannshoher Spiegel. Einem Pilger und Zen-Bruder sollten solche Unachtsamkeiten nicht passieren! Der freundliche Bäcker nimmt es gelassen und weist mein Angebot, den Schaden zu ersetzen zurück. Er zeigt einem befreundeten Paar den Gité (als Wohnung sehr geschmackvoll renoviert, als Gité daher eher unbrauchbar) und nimmt mich zum einzigen Restaurant im Ort mit.

Ich umkreise es ein paar Mal, aber es bleibt geschlossen. Ich gehe zurück, da schickt mir der Bäcker seinen Freund entgegen (der entwirft und produziert Gravuren, vor allem aber spricht er englisch) und lädt mich zum Abendessen mit seinen Freunden und seiner Familie ein. Ich bin immer wieder überrascht von der unkomplizierten Freundlichkeit der Franzosen.

Der Bäcker ist ein ausgezeichneter Koch und mit Hilfe des Backofens bereitet er ein köstliches Abendessen - vom Kir Bretagne über Gans und alten Rotwein bis hin zu köstlichen Desserts aus der Bäckerei. Vor allem aber ist es eine ganz reizende Familie mit drei Kindern; die Älteste in Noras Alter, also ca. 15.

Bertrand, so heißt der Bäcker, hat ein Herz für Pilger - er hat auch eine Jakobsfigur über seiner Bäckerei - und bringt mich noch zurück in den Gité, der treffend "Gité de la Boulangerie" heißt, wo ich allein residiere.
 


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(c) 2002 Gerhard Schmutzer
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